Media

Interviews

Samstagsinterview Mittelbayerische Zeitung vom 11.06.2016

Blinde Topfußballer kicken in Regensburg

Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Am 17./18. Juni spielen vier Topteams im Uni-Stadion. Teammanager Rolf Husmann sieht es als Werbung in eigener Sache.

Der FC St. Pauli (rechts im Bild) war auch 2013 beim Bundesliga-Spieltag in Regensburg vertreten. Am 17. und 18.Juni sind St. Pauli-Spieler auch Teil des deutschen Aufgebotsim Unistadion. Foto: Brüssel

Regensburg. Blindenfußball ist in Deutschland relativ neu. Können Sie in drei Sätzen erklären, was das Faszinierende daran ist?

Blindenfußball ist bei uns jetzt zehn Jahre da, wird in anderen Ländern aber 20 Jahre und länger gespielt. Für mich ist faszierend, dass blinde Menschen in einem vorgegebenen Raum völlig frei agieren, dribbeln und ihre Fußballleistungen auch blind umsetzen können. Das traut man solchen Leute nicht zu, wenn man es nicht weiß. Und wenn man sieht, wie gut die das können, mit welchem Einsatz und auch welcher Härte sie diesen Sport betreiben, dann hat man sofort großen Respekt.

Wie sind sie dazugekommen?

Ich habe einen kleinen Film darüber gesehen und da ich an der Uni Göttingen Fußballgeschichte unterrichtet habe, war ich verblüfft, dass es so etwas gibt. Ich hatte nie davon gehört. Ich bin schnell auf die Bundesliga gestoßen, die fünfmal im Jahr Spieltage organisiert (u. a. auch im Juni 2013 in Regensburg auf dem Neupfarrplatz, d. Red.). Ich wollte eine kleine Forschung machen. Daraus ist zwar nie etwas geworden, aber der Kontakt zur Mannschaft und zu den Spielern entstand. Also hat mich der Bundestrainer vor zweieinhalb Jahren gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte – und seitdem tue ich das.

Kann es sein, dass Deutschland für Blindenfußball gar nicht prädestiniert ist? Sie sagen, dass es faktisch weniger Blinde gibt als in weniger hoch entwickelten Ländern wie Brasilien zum Beispiel. Und sind wir zweitens in solchen Dingen nicht auch zurückhaltender? Wie auch in Sachen Futsal, wo ja mit demselben Ball wie bei den Blinden gespielt wird.

Es kommt vom Futsal, da gibt es Parallelitäten, das stimmt. Blindenfußball ist aus dem Futsal entstanden in Brasilien in den 1980er Jahren. In unserer Gesellschaft ist die Möglichkeit noch nicht ausgeschöpft, das zum Beispiel für das Thema Inklusion zu nutzen. Wir bemühen uns, es mit Turnieren wie dem am 17./18. Juni in Regensburg in die Bevölkerung hineinzutragen. Dass das nur in einem begrenzten Rahmen geht, weil die Blinden und Sehbehinderten Gott sei Dank nur eine kleinere Gruppe sind, das macht es nicht einfach. Aber da wir uns alle durch eine Brille blind machen können, können wir alle Blindenfußball spielen. Wenn wir an Schulen gehen, ist das ein Teil davon, bei dem die allermeisten großen Respekt entwickeln.

Sie haben es bestimmt schon auch selbst versucht?

Mit einem Spieler der Nationalmannschaft mache ich das immer wieder. Aber ich hatte das schöne Erlebnis, dass ich ganz zu Anfang mal gebeten wurde mitzumachen und ich noch nicht so gut verstanden hatte, dass der Abwehrspieler immer „Voy“ rufen muss, um sich bemerkbar zu machen. Das führte zu der blöden Situation, dass ein ziemlich stämmiger Gegenspieler, der nicht wusste, dass ich da stehe, über mich drüberging wie eine Dampfwalze und fluchte, weil ich nichts gesagt hatte. Und ich lag darunter und war platt. Da habe ich verstanden, warum man „Voy“ rufen sollte.

Wie würden Sie beschreiben, wie es ist, blind zu spielen. Ich habe das auch schon ausprobiert und wusste nach drei Drehungen nicht mehr, wo das Tor steht.

Das ist genau die faszinierende Leistung der Spieler, dass sie einen extrem hohen Orientierungsgrad haben. Wir versuchen im Training die Spieler zu schulen, dass sie kommunizieren. Ein Teil des Geheimnisses, gut zu spielen, ist nämlich die Kommunikation. Jeder auf dem Feld weiß in etwa, wo der Ball ist und ob seine Mannschaft gerade den Ball hat...

...man hört den Ball ja, weil eine Klingel drin ist.

Rolf Husmann mit den Regensburger Organisatoren Benedikt Stegner und Christian Stache von der Inklusionsabteilung des FC InterFoto: cw

Genau. Man hört ihn durchs Rollen und es gibt auch gewisse Anweisungen von draußen. Wenn ich weiß, dass mein Mitspieler den Ball hat, sollte ich in der Lage sein, kurz „hier“ zu rufen. Wenn das alle drei Mitspieler tun, dann hat der Ballführende ein Bild vor Augen, wo seine Mannschaft steht, und kann den Ball passen. Aber das muss eingeschliffen sein. Ich darf nicht rufen müssen „Werner, wo stehst du?“, sondern Werner muss vorher gerufen haben. Technik ist die erste Grundlage, Kommunikation die zweite: Das sind die für Blindenfußball charakteristischen Merkmale. Dann kommt eine gewisse vom Trainer vorgegebene Taktik wie im normalen Fußball dazu. Ob mehr offensiv oder mehr defensiv gespielt wird.

Es ist erstaunlich, dass die Blindenfußballer nicht unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zu finden sind. Ist das einer der Wünsche, die Sie hätten, wenn sie ein, zwei oder drei freihätten?

Ja. Ich kann nachvollziehen, dass sich vor zehn Jahren, als Blindenfußball eingerichtet worden ist, die Sepp-Herberger-Stiftung und der Behinderten-Sportverband geeinigt haben, dass der eine sich um die Bundesliga und der andere um die Nationalmannschaft kümmert. Eine Nationalmannschaft gab es aber quasi nicht, weil es keine oder kaum Spiele gab. Man hat ein-, zweimal an Europameisterschaften teilgenommen, aber keine Rolle gespielt, es gab keine Länderspiele. Das ist für mich ein Geburtsfehler, weil eine Nationalmannschaft schon auch zum DFB gehört. Mein Bestreben wäre, dass sich Ohren und Türen öffnen. Ich sehe Reformbedarf.

Das klingt aber so, als wären die Blindenfußballer weit davon entfernt.

Wir sind beim DBS untergekommen und ich habe bisher nicht ausreichend Gehör gefunden für meine Forderung, dass die Nationalmannschaft unter das Dach des DFB schlüpfen möchte und sollte. Ich hoffe, dass wir da mal mehr Verständnis kriegen. Es bedarf gar keiner besonderer Aktionen. Aber es muss die Bereitschaft da sein, dass wir eine Fußball-Nationalmannschaft sind, die ja im Ausland auch immer als DFB-Mannschaft wahrgenommen wird. Wenn wir irgendwo hinfahren, klebt das DFB-Logo an der Kabinentür und nicht das DBS-Logo. Da sehe ich großen Bedarf, dass sich das ändert. Wir fühlen uns besser aufgehoben, wenn wir das auch für den DFB sein könnten.

Wie wichtig sind da Erfolge?

Wir haben leider noch keinen internationalen Erfolg vorzuweisen, der großen Druck ausüben würde. Das Beste war bisher ein vierter Platz bei einer Europameisterschaft und damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaft. Auch deshalb ist die Heim-EM im nächsten Jahr in Berlin so wichtig für uns. Wenn es da gelänge erfolgreich zu sein, würde automatisch auch Druck über die Öffentlichkeit entstehen, dass wir besser wahrgenommen und betreut werden.

Erfolg bedeutet als vor allem einfach nur bessere Wahrnehmung?

Wir brauchen gar nicht Gelder, wie sie andere Mannschaften haben. Es geht um die Bereitschaft, uns mit in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Dan schauen wir mal, ob sie Regensburg mithelfen kann.

Das Turnier ist nicht der entscheidende Meilenstein, aber ein sehr, sehr nützlicher. Sportlich ist es zweifelsfrei der Höhepunkt in diesem Jahr.

Und so etwas wie ein Vorturnier für die Europameisterschaft 2017?

Das kann man sagen. Vor nächstem Sommer wird es ein so tolles Event nicht geben. Bei den Paralympics in Rio de Janeiro werden wir vor dem Fernseher sitzen und sagen: Schade, dass wir da nicht auch spielen. Stattdessen vertreten da die Russen und Türken Europa. Das war im vergangenen Jahr durchaus überraschend, dass sich diese beiden Mannschaften durch bemerkenswerte Umstände qualifiziert haben. Spanien und England, die in Regensburg wie Vize-Weltmeister Argentinien, das ein Goldtipp für die Paralympics ist, waren die Topfavoriten und beide sind im Halbfinale nach Sechsmeterschießen ausgeschieden. Solche Situationen kennt man da: Da haben die Nerven versagt.

Vielleicht hat ja auch Deutschland im Blindenfußball mal dieses Glück. Viel Spaß beim Turnier in Regensburg.

_________________________________________________________________

Interview mit Lukas Smirek

Hannah Vogel spricht mit Lukas Smirek (Feldspieler der Deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft) über die WM Ende November 2014 in Tokyo/Japan:

Impressionen